2Feb/10Off

Laktat – eine störanfällige Messgröße ?

Immer wieder muss ich mich in meiner praktischen Arbeit mit ambitionierten und semi-proffessionellen Breitensportlern argumentativ dem Thema Laktat stellen. Viele Sportler sehen die Thematik als überbewertet an und wehren sich schon fast mit Händen und Füßen gegen eine Laktatdiagnostik - trainieren lieber weiter subjektiv und hören auf ihren Körper (..... bzw. trainieren weiter in ihrer Komfortzone...)

Laktat ist seit nun bald 40 Jahren ein fester Bestandteil von Leistungsdiagnostiken im Sport. Es ermöglicht einen guten Einblick in den Stoffwechsel der Muskelzelle. Dennoch ist die einfach zu ermittelnde Milchsäurekonzentration auch eine sensible und störanfällige Messgröße.

Laktat hat einen entscheidenden Einfluss auf die Funktionsfähigkeit der Muskulatur. Wird das Millieu der Muskelzelle zu sauer, nimmt die Aktivität wichtiger Enzyme des Energiestoffwechsels ab, die Energieversorgung bricht nach und nach zusammen. Die Konsequenz: Frequenz und Kraft der Bewegung lassen sukzessive nach und kommen sogar ab einer gewissen Milchsäurekonzentration nahezu zum Erliegen.

Solange das körperliche Ausgleichsystem nicht überfordert und in der Lage ist, das Laktat in gleicher Weise zu eliminieren wie zu produzieren (Laktat-Steady-State) haben wir ein dynamisches Gleichgewicht. Die Laktatkonzentration spiegelt die Form der Energiebereitstellung in der belasteten Muskulatur wider. Deshalb eignet es sich auch hervorragend zur Einschätzung der Ausdauerleistungsfähigkeit eines Sportlers.

Laktat ist ein sensibler Parameter für die Veränderung der aeroben und anaeroben Leistungsfähigkeit ! Zur Bestimmung dieser Leistungsfähigkeit können verschiedene Testverfahren herangezogen werden. Das gebräuchlichste Verfahren ist der Laktatstufentest. Der Sportler nutzt hier ein Laufband oder auch ein Fahrradergometer. Bei sehr niedriger Intensität wird begonnen und dann werden ansteigende Belastungsstufen mit fest defininierter Dauer (zwischen drei und fünf Minuten) absolviert. Zwischen den Belastungsstufen wird ein Tropfen Kapilarblut aus dem Ohrläppchen oder auch aus der Fingerkuppe entnommen. Die damit einhergehende Herzfrequenz wird aufgezeichnet und ins Verhältnis zur erbrachten Leistung gesetzt.

Eine subjektive Ausbelastung ist für die Ermittlung der IANS (Individuell Aerob-Anaerobe Schwelle) gar nicht erforderlich. Mit Hilfe einer geeigneten Auswertungssoftware z.B. Laktat Manager kann nun ein Rückschluss über das aktuelle Leistungsvermögen des Sportlers gezogen werden. Weiterhin dienen die gewonnenen Werte als Basis für eine individuelle Trainingssteuerung oder auch Trainingsplangestaltung. Die leistungsbedingten Stärken und Schwächen sind nun schwarz auf weiß ersichtlich und der Trainer kann gezielt dort einwirken, wo es notwendig ist.

Ein Ergebnis sollte immer vergleichbar sein, deshalb ist es wichtig in einem bestimmten Zyklus eine Wiederholung des Test anzustreben. Erst dann habe ich die Möglichkeit eine Aussage über die Veränderung (Leistungsfort- oder Leistungsrückschritt) zu tätigen.

So weit die Theorie: In der Praxis bedeutet eine Veränderung von Form und Funktion der Laktatkurve jedoch nicht automatisch eine Verbesserung der aeroben Leistungsfähigkeit. Es gibt zahlreiche Faktoren, die ein Messergebnis beeinflussen können. Die Laktatkonzentration ist ein Parameter, der auch eine natürliche biologische Variabilität aufweisen kann.

Deshalb sollten Testwiederholungen immer die gleichen Voraussetzungen haben. Von der Wahl des Laufbandes oder die Sitzposition des Ergometers, bis hin zur Genauigkeit der Messinstrumente oder sogar die Umgebungstemperatur, könnnen einen Einfluss auf die Ergebnisse und die Vergleichbarkeit dieser haben.

Die Laktatdiagnostik liefert eine Momentaufnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Je besser der durchführende Diagnostiker den sportlichen Hintergrund kennt und je besser er sich mit der Methodik der Laktatdiagnostik auskennt, desto besser kann die Interpretation der Daten sein.

Eine Laktatdiagnostik ist immer nur so gut, wie der durchführende Diagnostiker in der Lage ist, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Je nach Anspruch des Sportlers können bis zu drei Diagnostiken pro Traininsjahr sinnvoll sein.

Der Laktattest ist keine Wettkampfwunderwaffe. Laktatwerte können auch kein Training ersetzen. Richtig eingesetzt ist er aber ein Hilfsmittel für eine authentische Trainingssteuerung.

Meine Vorgehensweise beim Laktatstufentest:

- Kein Leistungstest bei Infekten, Schlafmangel oder Stress (bei Frauen ggf. auf Zyklusphasen achten)
- Konstanten Bedingungen, wie Ernährung, Vorbelastung, Testgerät, Kleidung, Tageszeit - jedes Detail ist wichtig
- Keine langen und/oder intensiven Trainingseinheiten oder Wettkämpfe in den letzten 48 Stunden vor dem Test
- Ruhe am Vortag ist ideal
- Keine speziellen Diäten vor dem Test - einfach die gewohnte Ernährungsmethodik beibehalten
- Die letzte leichte Mahlzeit vor dem Test sollte drei Stunden vorher eingenommen werden
- Ausreichende Flüssigkeitzufuhr vor dem Test ( Kein Koffein, Teein, säurehaltigen Säfte)
- Sportartspezifisch testen: Der Läufer geht auf das Laufband, der Radfahrer auf den Ergometer, der Triathlet entscheidet sich für seine stärkere Disziplin - Schwimmen unterliegt wiederum eigenen Regeln(*)
- Nur Testergebnisse der gleichen Sportart miteinander vergleichen
- Immer den gleichen Testmodus wählen: Belastungsstufenhöhe und -dauer

(*) Noch komplexer ist die Situation beim Schwimmen. Der leistungslimitierende Faktor ist nämlich nicht wie vermutet, die Stoffwechselsituation der entsprechenden Herzfrequenz, sondern die lokale Muskulatur. Diese wird schneller be- und überlastet, als die Herzfrequenz das vermuten lassen würde. Während sich die Armmuskulatur unter Umständen bereits am Limit bewegt, signalisiert der Herzfrequenzmesser eine Leistung im Grundlagenbereich. Deshalb ist die Laktatdiagnostik hier nicht empfehlenswert und sollte nur bei überaus starken und erfahrenen Schwimmern gemacht werden.

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